Domino Effekt (5)

Sprotte wollte seine Wände streichen. Er hatte die Wohnung vor 2 Jahren von einem übergewichtigen Kettenraucher übernommen. Als diesem sein Raucherbein amputiert werden musste, war er nicht mehr in der Lage, den 5. Stock zu erreichen. Also musste er die Wohnung aufgeben.

Nun sollten endlich die Wände geweißt werden. Schon bei der Wohnungsübergabe hatten die Wände einen 30 Jahre lang genährten, gelb-braunen Schleier angenommen.

Knete konnte leider nicht helfen. Er wollte auf dem Gehweg ein Rad schlagen und hatte sich das Handgelenk verstaucht. Stattdessen hatte Sprotte den örtlichen Bäcker anheuern können.

Eigentlich hatte er ihn eher erpresst. Er hatte ihn nämlich einst erwischt, wie er Mettbrötchen vom Vortag wieder in der Auslage platzierte. Ein kurzer erschrockener Blick des Bäckers besiegelte den formlosen Vertrag. Einen Gefallen gegen ein Schweigen.

Der Bäcker akzeptierte nun mürrisch Sprotte`s  Auftrag. Farbe musste Sprotte allerdings stellen.

Sprotte war chronisch pleite. So hatte er auf dem Flohmarkt einen Sack Wandfarbe aus der ehemaligen DDR Marke „Silikat 80“ für 74 Cent erworben. Eigentlich wollte der Verkäufer 1 Euro. Da Sprotte sich aber für einen talentierten Einkäufer hielt, ließ der Mann ihn in dem Glauben.

Der Bäcker rührte widerwillig die Farbe an und machte sich an die Arbeit. Sprotte stand daneben und pfiff ein Lieb von den Vengaboys. Eine Malerrolle hatte er von der Baustelle um die Ecke „geliehen“.

Als der Bäcker eine Wand fertig hatte, fragte er Sprotte: „Sag mal, du weißt schon, dass ich hier gerade nur die Tapete übermale? Ich meine ja nur, … Wenn du den lieblichen Zigarettenduft hier gänzlich aus der Wohnung haben willst, muss du erstmal neu tapezieren.“

Sprotte dachte nach. Der Bäcker hatte recht.

Er überlegte, wer ihm sonst noch einen Gefallen schuldig war. Jochen? Das war der Briefträger, der ein paar Briefe kurz vor Feierabend immer direkt an den Mülleimer zustellte.

Komischerweise war Sprotte in solchen Fällen immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ein kurzes Nicken und wieder hatte er einen Gefallen gut.

Er versteckte sich also an den Postkästen und heuerte direkt nach erfolgter Straftat auch den Boten an. Die Tapete musste ab. Argumentativ im Nachteil, stimmte der Postbote zähneknirschend zu.

Er erschien pünktlich. In Sprottes Wohnung schufteten nun ein Bäcker und ein Postzusteller, um die Tapete zu entfernen. Nachdem ein paar Quadratmeter frei waren, entdeckten sie einen Trupp Ameisen.

Der Postbote sagte: “ Das sind Pharaoameisen. Die werden durch Warenverkehr verschleppt. Leben in warmen Häusern, Krankenhäusern, Bäckereien etc., legen viele Zweignester im Mauerwerk an und sind daher schwer zu bekämpfen. Sie halten sich in Wandritzen, hinter Fliesen, zwischen Wänden, unter Fußböden, in warmen Leitungsschächten etc. auf. Sie fressen alles, bevorzugt aber Süßes und eiweißreiche Kost. Bei hohen Temperaturen können sie auch kurzfristig außen auf Balkonen auftreten. “

Der Bäcker und Sprotte sahen den Briefzusteller verdattert an.

“ Hab gestern auf Arte ne Doku gesehen. “

“ Fuck! Scheiße! “ sagte Sprotte. “ Na dann geht für heute nach Hause. Ich überlege mir was “

Sprotte ging in den Park. Er musste nachdenken. Plötzlich sprach ihn von der Seite ein Mann an.

“ Hey, Sie da! Sie haben letztens auf der Baustelle geklaut! Ich habe das auf Handy! Ich war mit meinem Hund Gassi. “

Das konnte nicht wahr sein. Sprotte wollte mit den Zähnen knirschen, biss sich aber auf die Zunge. Seine Augen tränten.

“ Sie können verhindern, dass ich zur Polizei, oder schlimmer, zum Polier damit gehe. “

“ Und wie? “ Sprotte merkte, dass er aus der Nummer nicht mehr rauskam. “ Da! ein Einhorn!!! “ schrie er und rannte los. Nach 2,23 Metern stolperte er über eine Wurzel.

“ Kommen Sie schon. Das ist doch lächerlich. Ich will Ihnen gar nichts schlimmes. Sie müssten mir nur einen Gefallen tun. Ich lösche dann das Video “

“ Das Krümelmonster! “ rief Sprotte, zeigte hinter den Mann und spurtete erneut los. Nach 5,8 Sekunden erfolge der Aufschlag ans Bismarck-Denkmal. “

“ Wollen Sie mich eigentlich verarschen? Jetzt hören Sie sich doch erstmal meinen Vorschlag an! “ sagte der Mann.

Sprotte hatte Nasenbluten.

“ Also: mein Bruder hat eine Bäckerei. Letztens hat irgendein Irrer damit gedroht, ihn auf 4 Millionen Euro Schadensersatz wegen ein paar alten Brötchen zu verklagen. Es sei denn, er würde bei ihm die Wände streichen… Der Vollidiot hat natürlich zugesagt. Wenn Sie das übernehmen, habe ich nie etwas gesehen oder gefilmt… OK? “

 

 

 

 

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